Dienstag, Juni 21, 2011

Zwei Eier im Glas

Ein türkischer Taxifahrer hat mir den kulinarischen Status Berlins anhand der dortigen Dönerqualität erläutert. Der Mann schien Experte auf diesem Gebiet zu sein und jeden Dönerspieß der Hauptstadt persönlich zu kennen. Das ist beachtenswert, denn in Berlin gibt es pro Einwohner geschätzte zwei bis drei Dönergastbetriebe. Man soll auch tolerant sein und sich integrieren. Deswegen habe ich Interesse geheuchelt, anstatt ihn darüber in Kenntnis zu setzten, dass bereits der entfernte Anblick eines Dönerladens Anzeichen von Morbus Miserere in mir hervorruft.
Schon wenn ich das Wort lese oder nur an Döner denke, möchte ich das Universum vollspeien. Ich weiß auch nicht, woher das kommt. Wie gesagt, Integrationswille ist vorhanden, und bekanntlich bieten die meisten Dönerbuden nicht nur Schafschnipsel, sondern auch vegetarische Abfallprodukte an. Trotzdem rebellieren meine Innereien, sobald ich irgendwo Schilder mit Aufdrucken wie Döner King sehe.
Mindestens einen Döner King gibt es in jeder menschlichen Siedlung ab ca. 50.000 Einwohnern. Das ist eine Art Naturgesetz, genau wie es mindestens einen Pizzakünstler namens Da Salvatore sowie einen Bombay Palace und einen Thai Corner gibt. Bei dieser normierten Namensgebung könnte man fast davon ausgehen, dass es in den Herkunftsländern behördliche Vorschriften für Exilgastronomen gibt oder die jeweilige Mafia ihre Finger im Spiel hat, was sich ungefähr entspricht.
Der kulinarische Zivilisationsgrad einer Stadt äußert sich nicht in der Zubereitung von Schafschnipseln zwischen Krautsalat, Analogkäse auf Hefeteig, Chiliterror an Duftreis, Glutamatexzessen oder irgendwelchem französischem Héckméck, sondern allein am Bekanntheitsgrad von Zwei Eiern im Glas.
Koblenz ist eine Stadt mit enormer Wirtshausdichte. Kürzlich habe ich dort zum Frühstück Zwei Eier im Glas bestellt. Dabei handelt es sich um eine einfache Rezeptur, bei der zwei Eier weichgekocht, geschält und in ein Glas gegeben werden. In der gehobenen Gastronomie werden die Eier zusätzlich mit Schnittlauch bestreut, aber das macht die Sache unnötig kompliziert und ist nicht zwingend erforderlich. Während ich der jugendlichen Servicekraft mehrfach die Zubereitung erklärt habe, erntete ich verstörte Blicke. Nach längerem Warten stand dann plötzlich ein Glas mit zwei aufgeschlagenen, rohen Eiern vor mir.
Das Lokal war gut besucht, an den Nachbartischen drehten sich die Leute verstohlen um und fingen an, zu tuscheln. Auf meine Frage, was die Rohkost zu bedeuten hat, erwiderte die Servicekraft, man habe angenommen, dass ich die Eier wie im Film Rocky verzehren möchte.
Nun hätte ich die Verwechslung mit Rocky gütlich als missglücktes Kompliment interpretieren und den Proteinglibber in Rührei verwandeln lassen können, denn Rührei dürfte auch in Koblenz bekannt sein. Aber ich stellte mich beharrlich der missionarischen Herausforderung - zwischenzeitlich war auch die Köchin herbeigeeilt - und hatte wenig später Zwei Eier im Glas vor mir, in bester Qualität.
Ich war ein bisschen stolz, dass ich die kulturelle Errungenschaft Zwei Eier im Glas nach Koblenz gebracht hatte, auch wenn die Belegschaft des Cafés mich garantiert für bescheuert hält. Aber damit kann ich leben, denn Frühstückspropheten hatten noch nie einen leichten Job.

11 Comments:

Anonymous mkh said...

Wie gut, dass du die Koblenzer Lokalbelegschaft nicht auch noch mit dem Schnittlauch als qualitative Aufbaustufe komplett überfordert hast! - Das kannst du dir jetzt für den nächsten Besuch aufsparen.

21.6.11  
Blogger MudShark said...

ich hätt's auch nicht gekannt. meine vermutung war, dass es sich um zwei eier in gelee, aspik oder wie auch immer dieses glibberige, transparente wackelpeterzeugs heißt. oder vielleicht sowas.

was ist eigentlich, außer der tatsache, dass sie geschält sind, der vorteil von zwei eiern im glas gegenüber zwei ganz normalen weichgekochten eiern? wie werden die verzehrt? mit gabel und messer im glas stochern oder auslöffeln?

22.6.11  
Anonymous Frau H. said...

Danke. Danke. Danke! Herzlich gelacht: und rohe Eier sollen ja sehr gesund sein...oder so...
Mir fällt dazu das fränkische Weinstädtchen in dem ich 'mal "residierte" ein...da gab es so ein Cafè am Markt (Hmm? Wenn mir jetzt auch noch einfiele wie es gehiesen hat?), da waren Eier im Glas DIE Spezialität, am Besten früh morgens um fünf nach einer durchzechten Nacht.
Schnittlauch hatten die allerdings nicht drauf - brauchts allerdings auch in meine Augen nicht, ordentlich Salz und Pfeffer drauf und dann ordentlich zermanschen langt völlig. Jawoll! Heeeerrrrlich!
(Ich glaube, ich mache mir das morgen früh 'mal wieder. Und vorher hole ich mir oben beim Bäcker eine Kümmelstange... Hach! Danke!)

22.6.11  
Blogger MudShark said...

da fällt mir noch ein schlauer spruch ein: eier tun der mami gut, wenn sie der papi essen tut.

23.6.11  
Blogger Herr MiM said...

Wenn man das Bedürfnis nach etwas hat, dann sollte man unter keinen Umständen davon abweichen und sich mit weniger zufrieden geben.

Wobei ich zugeben muss, dass ich Eier im Glas auch noch nicht kannte.

25.6.11  
Blogger mq said...

/mkh: Erst wenn Zwei Eier im Glas auf jeder Speisekarte des Planeten steht, wird dieser Frühstücksfeldzug beendet sein. Mit oder ohne Schnittlauch.

/MudShark: Auslöffeln. Der Vorteil besteht im Zivilisationsgrad. (Und Tuten tut dem Papi gut, wenn die Mami tuten tut.)

/Frau H.: Danke für diese ermutigende Meldung. Es gibt also noch Hoffnung für die Menschheit.

/Herr MiM: Unter keinen Umständen. Selbst wenn es Schnecken regnet.

26.6.11  
Blogger 100 Goldfischli said...

Warum zwei?

29.6.11  
Blogger mq said...

Abendländische Tradition.

29.6.11  
Anonymous sonali said...

Diese Abneigung gegenüber Dönerbuden finde ich bemerkenswert. Gibt's dazu auch eine Geschichte?

30.6.11  
Blogger mq said...

Ich bin ein verantwortungsvoller Gärtner im Umgang mit meiner Darmflora und ignoriere die Signale selten, die mir meine Sinne senden. Das ist schon die ganze Geschichte. Oder auch: Das Leben ist zu kurz, um es an miserable Lebensmittel zu verschwenden.

1.7.11  
Anonymous sonali said...

diese Einstellung wird von viel zu wenigen Menschen geteilt

4.7.11  

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