Freitag, August 20, 2010

Sehr geehrte Langeweile,

du bist für mich nicht mehr als ein inhaltsloser Begriff, der auf sich selbst referenziert. Deine Erwähnung erzeugt aus lautmalerischen Gründen bisweilen ein Gaumenkitzeln, das zum Gähnen eskalieren kann, aber ich erinnere mich an keine Situation, die meinem Erfahrungsvorrat dein wundersames Gefühl hinzugefügt hätte.

Seit früher Kindheit, ich könnte beinahe behaupten, seit dem Säuglingsalter, bin ich pausenlos beschäftigt. Es gab immer aufregende Dinge zu tun, ob es sich um die Nährstoffzufuhr handelte, man auf einem Baum herumsaß und Ameisen beobachtete, sich mit Hilfe eines Chemiebaukastens den Pelz versengte, beim Angeln die Wolken zählte und Geschichten erfand oder zum wiederholten Mal die gesammelten Werke von Georges Simenon las. Ein Gefühl des Nichtstuns kam auch bei den nichtigsten Tätigkeiten nicht auf, und wenn man tatsächlich einmal nichts tat, erzeugte dieser Zustand der Leere keine Langeweile, sondern Erfüllung.

- Was bedeutet diese lange Weile?
fragte ich und machte mich auf die Suche nach dir. Dabei kam ich mir vor wie der Typ in Grimms Märchen, der auszog, um das Fürchten zu lernen. Allerdings ging es bei mir darum, die Langeweile zu lernen, und ausziehen wollte ich dafür auch nicht. Ich kann dir sagen, es ist überhaupt nicht einfach, sich mit einem spannenden Thema wie dir zu beschäftigen und sich dabei gleichzeitig zu langweilen.

Zunächst versuchte ich es mit TV. Ursprünglich hatte ich nicht damit aufgehört, weil ich es langweilig fand, sondern weil der überwiegende Teil des Programms schlichtweg saudumm ist und es mir irgendwann zu mühsam erschien, die wenigen brauchbaren Sendungen aus dem saudummen Rest herauszufiltern. Fehlanzeige. Selbst die allersaudümmsten Sendungen sind nicht langweilig. Wenn zum Beispiel jemand für eine Familie aus lauter Intelligenzbolzen eine grässliche Wohnung renoviert, so dass sie hinterher noch grässlicher ist oder die Intelligenzbolzen in trostlose Landstriche wie Alaska, wahlweise Palma de Mallorca auswandern, dann zogen mich gerade diese allersaudümmsten Sendungen umgehend in ihren zeitvernichtenden Bann.

Wo hätte ich dich noch entdecken können? Man sagte mir, längere Auto-, Bus-, Zug- oder Flugreisen seien mitunter langweilig, aber das kann ich ausschließen, denn nichts, was mich oder meine Außenwelt in Bewegung versetzt, könnte mir langweilig werden. Wenn das Interesse beim Blick aus dem Fenster auf vorbeifliegende Landschaften nachlässt, wartet eine Vielzahl von anderen Beschäftigungen. Man kann sich über die Notwendigkeit von kilometerlangen Absperrungen auf Autobahnen ohne erkennbare Baumaßnahmen wundern oder überlegen, von welchem Tropenfieber der Kommunikationsdesigner beim Entwurf der Kotztüten befallen war.

Große Hoffnung setzte ich in den Besuch von Vernissagen. Dort sollte es an langweiligen Menschen und Gelegenheiten nicht mangeln, so sagte man mir. Aber wieder wurde ich enttäuscht. Je abstoßender und miserabler übrigens die Kunst auf einer Vernissage, desto schöner die Frauen im Publikum. Das ist eine grobe Faustregel und ein Erkenntnisgewinn, der quasi als wissenschaftliches Abfallprodukt entstand.

Liebe Langeweile, es scheint dich einfach nicht zu geben, du bleibst ein Mythos. Man kreide es mir als emotionales Defizit an, aber ich kann auch dem größten Stumpfsinn noch ein Interesse abgewinnen. Solltest du dich aber doch irgendwo da draußen verstecken, hoffe ich, dich mit diesem Schreiben nicht allzu sehr gelangweilt zu haben.

Mit weiterhin gespannten Grüßen,
mq

6 Comments:

Anonymous Frau H. said...

Sie gehen das falsch an, werter Sir Quint, die Langeweile kommt nicht von außen, sie kommt von innen. Versuchen Sie es also gar nicht weiter, Sie haben es einfach nicht im Genpool...
Hochachtungsvoll, Frau H.

20.8.10  
Blogger mkh said...

Langeweile,
ist ausgebrochen
in der Stadt,
kommt angekrochen
und sie hat
keine Eile.

(H. Wader)

21.8.10  
Blogger mkh said...

Du hättest mir dies nicht besser aus der Seele schreiben können.

21.8.10  
Blogger mq said...

/Frau H.: Es wäre erschütternd, auf wieviele Begabungen man wegen genetischer Ungerechtigkeiten offenbar verzichten muss, hochgeachtete Frau H.

/mkh: In Frankfurt ist - entgegen Herrn Waders Behauptung - jedenfalls keine Langeweile ausgebrochen, Belege folgen im nächsten Beitrag.

22.8.10  
Anonymous kopffüßelnde said...

Sie langweilen selten, eher nie. da muss schon anderes her: http://kopffuessler.blogsport.de/2006/11/02/langeweile/

25.8.10  
Blogger mq said...

Sollten die großartigen Texte dort drüben Ihr Verständnis von Langeweile beschreiben, dann brauche ich keine Spannung mehr.

29.8.10  

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