Mittwoch, Juni 17, 2009

Jemen

"Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig", lautet der Titel einer Novelle von Franz Werfel. Nach der Ermordung von Entführungsopfern im Jemen waren vereinzelte Stimmen zu vernehmen, die zwischen den Zeilen hinterfragten, ob die Opfer eine Teilschuld an diesen Verbrechen trifft. Es wurde spekuliert, ob es angemessen war, sich als Bibelschülerin in einem islamischen Land dem Vorwurf der Missionierung, und damit der Aggression von Muslimen auszusetzen, und ob es mit der elterlichen Verantwortung zu vereinbaren war, die eigenen Kinder in Krisenregionen mitzunehmen – auch wenn der Aufenthalt humanitären Zwecken diente.

Ist es womöglich der deutschen Mentalität und Geschichte geschuldet, dass die Ursache eines Verbrechens im interkulturellen Konflikt zunächst in der eigenen Kultur gesucht wird? Man stelle sich eine verschleierte Muslima oder einen traditionell gekleideten Imam vor, die Opfer einer politisch oder religiös motivierten Gewalttat in Deutschland werden. Würden sich Stimmen in der islamischen Welt erheben, die den Opfern eine Teilschuld zuweisen, weil diese sich in einem fremden Kulturkreis sichtbar zu ihrer Religion bekannt haben? Vermutlich nicht. Und dies zu Recht, denn es gibt keinen entschuldbaren Grund für Mord.

Jeder Mörder ist, unabhängig vom kulturellen Hintergrund, ohne Einschränkungen für seine Tat verantwortlich. Auch wenn diese vollständige Verantwortung für den Ermordeten keine Bedeutung mehr besitzt.

7 Comments:

Blogger mkh said...

Notwendig klare Worte.

18.6.09  
Anonymous ttr said...

Darf ich deutsche Mentalität durch westliche Mentalität ersetzen?

Und zwar ist es so: würde Herr Q. in Russland wohnen, das Uralgebirge überqueren und (Gott bewahre!) dort aufgrund eines Schneesturms, Lawine usw. stecken bleiben, müsste er mit den Hubschrauber gerettet werden. Hier würden sich nicht wenige russische Steuerzahler melden und sagen, dass der Extremsportler Q. ein Vollidiot sei, der sich unnötigen Risiken ausgesetzt hat. Niemand hat ihn gezwungen auf den Berg zu klettern. Herr Q. soll den Rettungseinsatz bitte aus eigener Tasche bezahlen, oder verrecken.

Die gleiche Reaktion würde man bei einem humanitären Einsatz in der Republik Itschkeria ernten, oder beim Besuch einer unerlaubten Gayparade. Herr Q hat sich wissentlich in Gefahr begeben und das hat er jetzt davon. Selbst schuld, Herr Q – baden Sie es alleine aus.

Worauf ich hinaus wollte – die Leute, die den Ermordeten eine Teilschuld zuweisen, wurden so erzogen, dass sich selbst als eine vollkommen autonome Person betrachten. Diese Person kann sich nur auf sich verlassen. Und weil man gerne verallgemeinert: jeder ist nur für sich selbst verantwortlich. Krasses Gegenteil davon wäre die Einstellung der Japaner: jeder ist nur ein ganz kleines Rad und ist auf die Gemeinschaft angewiesen.

So weit meine ungeordneten Assoziationen zur späten Stunde. Leider brauche ich jetzt ein Nickerchen. :)

18.6.09  
Blogger MudShark said...

religion hat millionen von menschen getötet - sehr pauschal, aber im kern wahr.

ich weiß nicht ob die ermordung tatsächlich religiös motiviert war. sicher ist allerdings, daß der konflikt zwischen den religionen heute so blutig ausgetragen wird wie vor tausend jahren.

mord kann mit keiner religion entschuldigt werden. es ist ein akt der unmenschlichkeit.

19.6.09  
Anonymous eon said...

ich schließe mich dem zweifel am religiösen motiv an. die täter sind politische. sie streben nach macht, nach aufmerksamkeit für einen politischen kampf.

die barbarischen taten schüren in mir formulierungen wie: sollen in ihrer dreckswüste verrecken, das ganze pack usw...

gefährliche vergeltungsgedanken kommen auf. politiker dürfte ich nicht sein. schon gar kein mächtiger. ohrfeigen dieser art würde ich wohl nicht unbeantwortet lassen...

20.6.09  
Blogger mq said...

/mhk: Hinreichend klare Meinung.

/ttr: Nicht grundsätzlich suchen westliche Gesellschaften ein Fehlverhalten in der eigenen Mentalität. Die itschkerianische Mentalität ist mir gänzlich unvertraut, aber zumindest die Russen erscheinen in dieser Hinsicht selbstbewusster. Beim genannten Beispiel der Extremsportler im Uralgebirge geht es um materielle Aufwände. Unabhängig davon wird in Deutschland bis zur Überempfindlichkeit erwartet, dass man sich der Kultur eines bereisten Landes assimiliert. Wenn ein Fehltritt aus Sicht Einheimischer mit Mord zu ahnden ist, wird selbst dann noch versucht, die Sicht des Mörders nachzuvollziehen. Aus meiner Sicht verspielt ein Mörder alle Rechte auf Verständnis, und daher ist seine Sicht - zumindest aus moralischem Blickwinkel - belanglos.

/MudShark: In Ländern, in denen sowohl außerislamische Missionierung als auch Konvertiten, die den Islam ablegen, mit dem Tod bestraft werden, entfällt die Trennschärfe zwischen Religion und Politik. (Eine Ermordung aus materieller Motivation oder anderen Gründen wäre auch in diesen Fällen zwar grundsätzlich möglich, erscheint aber unrealistisch.)

/eon: Solche Gefühlswallungen sind nachvollziehbar. Auch ich gehöre nicht zu denen, die Gewalt als letztes Mittel ausschließen, aber ab wann gibt es nur noch ein letztes Mittel? Politik muss auf Besonnenheit beruhen.

22.6.09  
Anonymous ttr said...

Oh, ich sehe, ich habe hier die Ignoranz und das Fehlen von Mitleid mit dem Überempfindlichkeitsdings vertauscht.
Wobei ich das Überempfindlichkeitsdings im privaten Freundeskreis bisher nicht bemerkt habe. Sind wohl alles keine linken Intellektuellen. :)

Aktuelle Wortbestätigung ist übrigens: cializ

27.6.09  
Blogger mq said...

Sie scheinen ein verlässliches Gespür bei der Auswahl Ihrer Freunde zu besitzen.

27.6.09  

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