Donnerstag, Juni 11, 2009

München - Venedig (XVI): Schmerz als Heilmittel

Kein Duft übertrifft die Klarheit eines kühlen Sommermorgens, kurz bevor sich die Straßen unter der steigenden Sonne erwärmen und die Hitze vom Asphalt in jeden Winkel der Stadt kriecht. Als ich aufbrach, gähnte der frische Tag, beseelt von einer ansteckenden Freude auf sich selbst, streckte sich und versprach das Blaue vom Himmel.

Belluno gehört zu den schönsten Kleinstädten in der Alpengegend, ein Ort mit interessanten Bauwerken und freundlichen Einwohnern. Man würde es dort länger als eine Nacht aushalten, aber ich nahm mir nur die Zeit für einen kurzen Rundgang. Am vierzehnten Tag meiner Wanderung wollte ich mindestens bis ins 25 Kilometer entfernte Revine gelangen, und auf dem Weg dorthin das italienische Voralpenland des Nevegal hinter mir lassen.

Rathaus Belluno

Nach der Stadtbesichtigung überquerte ich den Fluss Piave, der mir später wieder begegnen und mich begleiten würde, bis er jenseits der venezianischen Lagune in die Adria fließt. Während ich mich von der erwachenden Stadt entfernte, erschien es wie ein Traum, dass sich die Alpen nur zwei Wochen zuvor drohend aufgetürmt hatten und nun bezwungen, aber keinesfalls erniedrigt, in meinen Rücken lagen.

Blick zurück

Seit dem Abstieg aus dem Hochgebirge schmerzten die geschundenen Füße. Mehrere Blasen an den Zehen waren offen, die Socken blutgetränkt.

Schmerz zieht sich wie eine Wand aus Milchglas um das Bewusstsein, aber hinter jeder Art der Gefangenschaft verbergen sich Möglichkeiten des Ausbruchs. Die Überwindung und Beherrschung des Schmerzes ist eine Form der Freiheit. Es gibt unzählige Arten von Schmerzen. Offene Blutblasen zählen zu den harmlosen Erscheinungsformen, die man mit einer gezielten Willenssteuerung kontrollieren kann. Bezwingbarer Schmerz besitzt eine heilsame Wirkung, wenn er bei seinem Verschwinden die Schönheit des Daseins öffnet. "Es ist so schön, wenn der Schmerz nachlässt", lautet eine bekannte Redewendung. Ich bin kein Masochist und hätte auf die wunden Füße gerne verzichtet, aber das Unabänderbare muss man nicht erdulden, solange man dagegen kämpfen kann. Bei Tieren äußert sich dieser Kampf im hartnäckigen Versuch, sich Schmerzen nicht anmerken lassen.

Attenti al Cane

An einem Hofgrundstück warnte ein Schild, dass man sich vor dem Hund in acht nehmen solle. Aber anstelle einer schäumenden Bestie auf vier Beinen patrouillierte ein Gänsegeschwader vorbei. Das humoristische Geschnatter und Gewatschel dieses Einsatzkommandos ließ die schmerzenden Zehen für eine Weile vergessen, ganz ohne Willenskontrolle oder Kampf.

Nevegal

Durch eine sanft ansteigende Landschaft ging es über Hügelketten, durch kleine Dörfer und an einzelnen Häusern vorbei. Ich begegnete zwar kaum Menschen, dafür aber Myriaden von Schmetterlingen. Nach den aufregenden Grautönen der Berge hatte das unterschiedliche Grün dieser Gegend eine beruhigende Wirkung.

Die andere Seite

Der Abstieg aus dem Nevegal gestaltete sich unerwartet mühsam. Wenn man die Serpentinenstraße meiden will, nimmt man den kürzeren, aber abschnittweise steilen und dicht bewachsenen Weg, der direkt ins Tal führt. Zweimal landete ich in irgendwelchen Gärten, wo mich gutgelaunte Menschen als "Monaco-Venezia-Wanderer" begrüßten und mir die Richtung wiesen. Offenbar erhielt man hier häufiger unangemeldete Gäste.

Im Tal

In Revine fand ich keinen Platz zum übernachten, also spazierte ich wenige Kilometer weiter nach Tarzo, wo man mir ein Zimmer in einem alten Landgut anbot.
(...)

5 Comments:

Blogger mkh said...

"...Als ich aufbrach, gähnte der frische Tag, beseelt von einer ansteckenden Freude auf sich selbst, streckte sich und versprach das Blaue vom Himmel..." - herrlich.

"...Überwindung ... des Schmerzes ist eine Form der Freiheit.." - Gehen,Schritt für Schritt, schafft beste Voraussetzungen dazu. Aber ich erinnere mich an eine mehrtägige Wanderung im Mittelgebirge, die ich aus diesen Gründen abbrach; vielleicht war´s ein Fehler.

12.6.09  
Blogger Frau H. said...

Schmerz. Was ist Schmerz? Ist Schmerz nicht gerade, die Herausforderung "weiter" zu gehen? Sich selbst zu überwinden, neu um neu? Und ist es nicht das, was uns ein Stück weit vom Tier unterscheidet? Die Möglichkeit, dazu. Auch ohne Not.


Die Überwindung des Schmerzes als Form von Freiheit zu betrachen, finde ich auf alle Fälle ganz ganz groß!
Chapeau Sir Quint!

(Ich freue mich schon auf den "Endeinlauf" in Venezia...hoffentlich gab es da dann eine ganz große Portion Pasta, einen halben Liter Roten und ein Zimmer samt heißer Dusche und Federbett mit Blick auf irgendwas wässriges für Sie! Und lassen Sie uns nicht so lange warten, bis zum nächsten Teil!)

12.6.09  
Blogger mq said...

/mhk: Ein Aufruf zur Zerstörung des eigenen Körpers war nicht beabsichtigt. Hartnäckiges Fortschreiten unter Qualen ist nicht bei allen Leiden angemessen - manchmal kommt man mit einer Pause schneller voran ... und manchmal nützen auch Pausen nichts. Aber ich kann halt so schlecht aufgeben.

/Frau H.: Bei entsprechenden zoologischen Studien hatte ich allerdings stets den Eindruck, dass Tiere ihre Möglichkeiten im Vergleich zur Krone der Qual besser ausschöpfen. Ihren Appell, bald im Text fortzuschreiten, will ich berücksichtigen.

14.6.09  
Blogger MudShark said...

attenti al cane: da fällt mir ein, dass unsere freunde aus dem westen rund um das pershinglager im ersten sicherungsring gänse hielten. erst im zweiten ring kamen die hunde und dann der patrouillenstreifen. gänse sind die besseren hunde.

19.6.09  
Blogger mq said...

... und zusätzlich wurden die Gänse als Flugbegleiterinnen für die Pervershings ausgebildet.

23.6.09  

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