Samstag, Oktober 29, 2011

Ligne blur

Die Werke von Hergé gehören zu den zeitlosen Monumenten der Zeichenkunst. Mit seiner Ligne Claire hat der Belgier eine Stilrichtung geschaffen, die bis heute wirkt und mehrere Generationen von Zeichnern und Lesern geprägt hat. Durch die maximale Reduktion von Strichen wird das Wesentliche freigelegt. Konturen erhalten eine Seele, die Seele erhält Konturen. Hergés Figuren gewinnen ihre Dynamik und Lebendigkeit losgelöst von jeder realistischen Darstellung. Gleichzeitig eröffnet das Stilmittel der Abstraktion dem Leser sämtliche Möglichkeiten, sich mit den Figuren zu identifizieren und in die Geschichte einzutauchen. Alle guten Geschichten funktionieren durch eigenständige Arten der Abstraktion. Ideen werden verfremdet, und erst in der Verfremdung finden Betrachter funktionierende Realitäten.

Bei Steven Spielbergs Verfilmung von Tim und Struppi handelt es sich um einen Trickfilm im 3D-Format. Im Gegensatz zu Hergé verwendet Spielberg nahezu fotorealistische Figuren und Szenarios. Der Film ist gespickt mit massiver Tricktechnik. Die 3D-Brille nervt sowieso bereits während des überlangen Vorspanns, und bei den ganzen Versuchen einer realitätsnahen Darstellung wundert man sich, warum Spielberg überhaupt die Form des Trickfilms gewählt hat. Tim wirkt hölzern hinter seinen gespenstisch belebten Augen.

Spielberg hat seinen Film mit opulenten Actionszenen überladen und ist dabei sich selbst, aber nicht Hergé treu geblieben. In der Bemühung um dreidimensionale Tiefe und Klarheit wirkt der gesamte Film flach und verschwimmt in seiner künstlichen Überdeutlichkeit. Das Wesen von Hergés Ligne Claire kam vollständig abhanden. Und auch die dramaturgisch solide und pointierte Musik von John Williams, noch das Beste an Spielbergs Werk, rechtfertigt keinen zweiten Teil, der sich am Ende von "Die Abenteuer von Tim und Struppi - Das Geheimnis der Einhorn" ankündigt.

6 Comments:

Blogger frech'n'nett said...

Schade, als großer Tintin-Freund hatte ich mich seit Monaten auf die Ausstrahlung des Films gefreut.
Nach dieser sehr überzeugenden Kritik habe ich nun das Gefühl, dass ich mir den Weg ins 40 km entfernte Lichtspielhaus glatt sparen kann, um mir die eventuelle Enttäuschung hinterher ebenfalls glatt sparen zu können.
Der Hinweis auf eine 3D-Verfilmung ist für mich sehr hilfreich, da ich als Einäugige rein gar nichts habe von dieser technischen Spielerei. Obwohl? Vielleicht gibt der Film gerade dann was her, wenn alles verrutscht und verschwommen bleibt?

30.10.11  
Blogger mq said...

Ich habe zwischendurch die Brille abgenommen, weil ich diese Technik nicht gut vertrage. Dadurch wurde es allerdings nicht besser.

Und ich wollte auch keine Vorfreude vermiesen. Ich schätze Herrn Spielberg sehr, nur fiel mir zu seiner Adaption von Tim und Struppi kein wohlwollendes Wort ein. Vielleicht war meine Erwartungshaltung zu hoch, die Werke von Hergé besitzen für mich einen fast sakralen Wert.

31.10.11  
Blogger MudShark said...

den film den kuifje in meinem kopf spielt kann auch ein herr spielberg nicht übertrumpfen.

2.11.11  
Anonymous Burnster said...

Ich hasse 3D (und es macht mich kirre) und in Berlin ist es fast nicht mehr möglich 2D-Varianten von Blockbustern im Kino zu sehen. Damit hat mir die technische Evolution quasi ein bisschen die Chance geraubt, ins Kino zu gehen. Schade, oder? Ansonsten hat mich T&S schon als Kind nicht interessiert, weil mich die naiven Zeichnungen abgeschreckt haben, das war ein zu krasser Gegensatz zu meinen Superheldencomics. Aber jetzt mit dem Film einzusteigen fühlt sich auch irgendwie merkwürdig an. Aber er ist ja - wie gesagt - eh in 3D.

4.11.11  
Blogger mq said...

/MudShark: Herr Spielberg kann keinen der Filme in deinem Kopf übertrumpfen.

/Burnster: Es ist geradezu paradox, dass das Kino versucht, die Realität einzuholen. Ich habe jedenfalls noch nie aus Sehnsucht nach der Realität ein Lichtspielhaus aufgesucht.

4.11.11  
Anonymous Burnster said...

"Ich habe jedenfalls noch nie aus Sehnsucht nach der Realität ein Lichtspielhaus aufgesucht."
-> Toller Satz.

Ich hab den Film jetzt doch noch gesehen, zähneknirschend in 3D, aber es gab sonst nix Gescheites an dem Abend und in der spärlichen abendlichen Freizeit eines Paares mit Kind nimmt man dann, was man kriegt. Und ich fand ihn gar nicht so schlecht. Tintin hat ein bisschen der Indy-Soul gefehlt, aber dafür waren der Kapitän und sein Schnaps das charismatische Odd Couple (statt Tim & Struppi). Man sagt ja, dass dem Film die feine Ironie des Comics fehlt und das kann ich mir gut vorstellen, andererseits habe ich mich trotzdem besonders bei der Verfolgungsjagd durch die Stadt sehr gut unterhalten gefühlt. Am Ende war ich weder blind, noch hatte ich Kopfweh, was für eine gute Verwendung der 3D-Technologie spricht.

14.11.11  

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