Samstag, Februar 11, 2012

Großes China

Ich bemerkte das Tier erst auf den dritten Blick. Der Hund sah aus wie ein geschrumpfter Bobtail. Verstohlen linste er aus der Handtasche seiner Besitzerin, die sich erkundigt hatte, ob der Platz neben mir noch frei sei. Ein Zug kann völlig überbucht sein, der letzte freie Platz befindet sich garantiert neben mir. Ursachen dafür sind mir nicht bekannt. Jedenfalls besitze ich keine Gesichtstätowierung, lege Wert auf Hygiene, trage keinen Lodenmantel und bevorzuge freundliche Umgangsformen.

Die Frau schätzte ich auf Mitte Fünfzig, und sie trug diese schlichte Art von Kleidung, der man nicht sofort ihren Preis ansieht. Nachdem sie den Bonsaihund abgestellt und sich niedergelassen hatte, fragte ich sie, wie man einen Bobtail schrumpft. Sie sah mich mit aufgerissenen Augen an und antwortete, dass es sich selbstverständlich um einen chinesischen Nackthund handelt. Ich dachte mir, alles klar, einwandfreier Fall von Vollmeisenkaiser, und fragte, ob sie ihm den zotteligen Fellmantel selbst gehäkelt hat. Sie lächelte und erklärte mir, dass bei dieser Rasse nur jeder zweite Wurf nackt geboren wird. Alle anderen chinesischen Nackthunde besäßen Haare. Großes China.

Ursprünglich seien die Nackthunde gezüchtet worden, um Schiffe frei von Ratten zu halten. Mit Seefahrern soll die Rasse nach Europa gelangt sein. In Frankreich wurden die Tiere angeblich von aristokratischen Damen gehalten, da sie gerne auf den Schößen ihrer Besitzer säßen. Angesichts eisiger Temperaturen in Schlossgemäuern fiele das unter Nutztierhaltung. Wenn ich ihn dazu auffordern würde, spränge auch dieser chinesische Nackthund sofort auf meinen Schoß, obwohl ich offensichtlich kein französisches Burgfräulein sei. Das Tier sah mich erwartungsvoll an. Allerdings solle ich unbedingt darauf verzichten, weil sie es nicht möge, wenn ihr Schoßhund sich auf Schöße setzt. Ich war erleichtert, denn zu keinem Zeitpunkt hatte ich daran gedacht, dieses zottelige Wesen zu irgendwas aufzufordern.

Nachdem sie mir Herkunft und Mechanismus des chinesischen Nackthunds erklärt hatte, erhob sich die Frau, um einen Kaffee im Bordrestaurant zu kaufen. Der Hund bleibe brav sitzen, meinte sie, der sei das gewohnt. Als sie entschwand, verließ der Hund augenblicklich die Handtasche und schaute seinem Frauchen hinterher. Wie in Gips gegossen verharrte er zwei Minuten und spazierte dann in Richtung Bordrestaurant, das sich im übernächsten Wagen befand.

Ruckzuck konnte sich dieses winzige Tier in den Weiten und Längen eines ICE verlieren oder in der falschen Tasche verschwinden. Irgendwie fühlte ich mich verantwortlich, weil ich doch inzwischen so viel über chinesische Nackthunde wusste. Ich ging ihm also hinterher, und weil ich seinen Namen nicht kannte, rief ich sowas wie "Hey, hallo Nackthund". Das war ein Riesenspaß für die Menschen im überfüllten Zug. Naturgemäß ignorierte der Hund meine Rufe. Am Ende des Wagons musste er feststellen, dass chinesische Nackthunde keine Schiebetüren in Zügen der Deutschen Bundesbahn öffnen können. Zwischen meinen Beinen hindurch marschierte er wieder in die entgegengesetzte Richtung. Gelächter von allen Seiten. Jeder amüsierte sich über diesen Idioten, der nichtmal einen Hund von der Größe einer Wärmflasche unter Kontrolle hatte.

Ich erwischte den Köter, nachdem er auf seinen Platz gesprungen war und nachsah, ob sich sein Frauchen inzwischen in ihrer Handtasche befand. Vorsichtig hielt ich das filigrane Tier zwischen Daumen und Zeigefinger am Halsband. Nachdem ich mich wieder gesetzt hatte, sprang der behaarte chinesische Nackthund sofort auf meinen Schoß und rollte sich zusammen.

Wenig später traf auch seine Besitzerin wieder ein. Sie sah mich vorwurfsvoll an, nahm den Hund von meinem Schoß und ließ ihn in der Handtasche verschwinden.

Ich weiß nicht, ob es stimmt, dass jeder zweite Wurf des chinesischen Nackthunds ein Fell besitzt. Diesen Informationsballast will ich jedoch keinesfalls durch leichtfertige Wahrheitsfindungsversuche gefährdet wissen.

11 Comments:

Blogger MudShark said...

ich dachte immer die wurden zum nackichtsein gezüchtet, damit später im suppentopf nicht so viele haare schwimmen.

12.2.12  
Blogger mkh said...

Danke dir für die schöne Gute-Nacht-Geschichte! Manchmal ist die Welt einfach niedlich, sogar im ICE rund um Frankfurt. Und wenn dir das Video von der versteckten Kamera zugegangen ist, kannst du es ja noch im Blog einstellen.

12.2.12  
Anonymous Frau H. said...

Ich muss gestehen, dem hätte ich nur zu gern als Zuschauerin beigewohnt... Allein ihr Gesichtsausdruck dabei war bestimmt vielschichtiger und unterhaltsamer als jedes Buch/jeder Film dieser Welt es je sein kann. ;)

(Und ich muss gestehen, dass mich bei Hunden dieser Größenordnung stets ein fast unaufhaltbarer Drang überkommt einfach feste auf sie drauf zu treten. Böses Mädchen!)

14.2.12  
Anonymous mkh said...

@ MudShark + Frau H.
Suppe ... Drauftreten ... Na, keine Wunder bei euren Kommentaren, dass sich das haarige Nackthündchen auf mq's Schoß verkriecht!

:-)

14.2.12  
Anonymous Frau H. said...

@mkh: Hey, hey: Schön die Zeitachse beachten! Der Herr MudShark und moi haben das doch erst hinterher...und so.. Oder meinen Sie etwa, haarige Nackthunde hätten so etwas wie einen siebten Sinn für eventuelle Feinde?

Stark ob bezweifelnd.

;)

14.2.12  
Blogger mkh said...

@ Frau H.: Letzteres, ja. Allein der Name Nackthund klingt doch so erbärmlich schutzlos, als seien die Viecher gerade zum Opfer geboren - und hätten darob zwangsläufig intelligente Beschwichtigungsrituale (Schoß, Handtasche, niedliche ICE-Spaziergänge usw.) entwickeln müssen. Wir rudimentären Savannenjäger aber sollten einmal unvoreingenommen im Selbstversuch überprüfen, ob deren Opferlammgehabe in uns womöglich die Reißzähne hervorlockt. Und falls ja, ob wir uns auf die Beschwichtigungsstrategien einlassen können oder doch lieber den Suppentopf holen. Wie auch immer: Gnacht ;-) Und vergessen Sie die Zeitachse, das ist ein Weltbildüberbleibsel aus dem 20. Jahrhundert.

14.2.12  
Blogger dieter759 said...

Hi,

ich habe deinen Blog nur überflogen, weil er sehr lang ist. Ich schreibe jedenfalls ähnlich, nämlich auch ziemlich lang - die Themenauswahl dürfte allerdings anders sein. Werde sicherlich noch weitere Kommentare schreiben und mich dann auch intensiver in die Inhalte reinlesen.

Gruß Dieter

15.2.12  
Blogger mq said...

/MudShark: Schwimmen in deiner Hühnersuppe Federn?

/mkh: Wenn ich mich nicht täusche, führte der Hund keine Kamera mit sich.

/Frau H.: Zu meinen Gesichtsausdruck vermag ich keine Aussage zu treffen, ich habe nur die Gesichter der anderen gesehen. Und dabei überkam mich dieser geschilderte Drang.

/dieter759: Manchmal schreibe ich auch kurz.

23.2.12  
Blogger MudShark said...

selbstverfreilicht schwimmen in meiner hühnersuppe keine federn. die müssen vorher umständlich gerupft werden. man sollte hühner ohne federn züchten, analog zu den komischen nackichkläffern.

24.2.12  
Anonymous MoniqueChantalHuber said...

damit sie wenigstens qualifizierten informationsballast mit sich rumtrageb

powderpuff heißen die. die nichtnackten nackthunde. und sie fallen nicht mit jedem zweiten wurf - sondern, halt der genetik geschuldet, in einem insgesamtverhältnis von cirka 3/4 unbehaarte chinese crested und 1/4 behaarte powder puffs, da die nacktheit des chinesischen nackthundes eine mischerbige ist. die kreuzung zweier powder puffs allerdings bringt niemals unbehaarte hunde hervor.

2.8.12  
Blogger mq said...

Danke, Frau Huber. Mit dieser Kenntnis gehe ich leichter durchs Leben.

3.8.12  

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