Freitag, März 08, 2013

Sehr geehrter Nachwuchsideologe,

sobald Sie eine berufliche Tätigkeit ausüben, die ethischen Idealen der Humanität, Toleranz und Freiheit gerecht wird, zum Gemeinwohl beiträgt und Sie unabhängig leben lässt, Produkte kaufen, die ökologie- und sozialverträglich hergestellt wurden und diese Produkte nutzen, bis sie nicht mehr verwendbar, sondern in Recyclingkreisläufe überführbar oder kompostierbar sind, Geld weder anhäufen, noch für Kompensationskonsum verschleudern, sondern teilen und Benachteiligte nicht nur mit wohlklingenden Worten, sondern auch materiell unterstützen, klare Gedanken für die besten Drogen halten, Energie aus regenerativen Quellen nutzen, Flugreisen vermeiden und sich zu Fuß, mit dem Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln fortbewegen, keine Nahrungsmittel mehr wegwerfen, die Erfüllung Ihrer Grundbedürfnisse als Luxus genießen können, Überfluss für überflüssig halten, Andersdenkende respektieren, jede Form der Gewalt ablehnen, der kategorische Imperativ in Ihrer Gesellschaftsgrammatik verankert ist, und das alles ohne religiöse Projektionsfläche, dürfen Sie mir mehr über Ihre politische Programmatik, Wertvorstellungen, Ziele und Lösungen zur Verbesserung unserer Gesellschaft erzählen.

Mit undogmatischen Grüßen,
mq

12 Comments:

Anonymous mkh said...

Okay, ich werde noch dran arbeiten.

9.3.13  
Anonymous Frau H. said...

Ist es nicht auch ein Dogma, die Aufgabe jedwelcher Dogmen zu verlangen, werter Sir MQ? Kann man da überhaupt "rauskommen", als Mensch? Für mich klingt es, als forderten Sie die Nachwuchsideologen geradezu auf Gottgleich zu sein...und lehnen eben dieses im selben Atemzug ab. Absicht? Oder Missverstehen meinerseits? Interessanter Gedanke, auf alle Fälle. So oder so.

10.3.13  
Blogger mkh said...

Ich versteh's, hmm ... "konkreter" sozusagen, werte Frau H.: Wer Postwachstumsökonomie predigt, kann zwar Paech & Co. lesen, kommt aber nicht drum rum, sich an die eigene Nase zu fassen, da, wo's manchmal weh tut.

Aber, ich meine, auch diese Ideologie darf ein persönlicher Entwicklungsprozess sein! Man muss nicht zwanghaft streng mit sich umgehen, man sollte aber die eigenen Schwachpunkte oder Widersprüche erkennen und lernen können.

(Hoffe, ich hab das jetzt korrekt konkret verstanden.)

10.3.13  
Anonymous Frau H. said...

Nun, vielleicht ist es eben jener Widerspruch der Unmöglichkeit des Verlangten, werter mkh, der mich aufhören lässt? Zumindest verstehe ich Ihre Konkretisierung so?
Und natürlich ist gestattet was ist. Selbst das, was nicht ist, ist gestattet.
Wer wäre ich, jemandem etwas zu verbieten?

Eine Ideologie allerdings die von sich verlangt keine zu sein ist eine zweifelhafte Angelegenheit in meinen Augen. Mir fällt nur ein Philosoph ein, der dies nachhaltig bewerkstelligt hat: Jiddu Krishnamurti. Eben weil: Immer schlicht auf die eigene Nase verweisend. Und nicht auf die Nase des vermeintlich "Lehrenden". Hohe Kunst, das konsequent zu tun, meiner Meinung nach und wahre Größe.

Und jetzt bin ich gespannt was der werte Herr Verfasser dazu zu sagen hat ;)...

10.3.13  
Blogger mkh said...

Das Weblogformat ist einfach zu klein, um alles, was vielleicht vom einen nicht ganz klar beim anderen ankommt, abschließend klären zu können. Aber Danke, werteste Frau H., für den Hinweis auf Krishnamurti. Dass es der einzige wäre, der eine gesunde Selbstkritik gepflegt hätte, will ich ja nicht so recht glauben, aber ich werde jetzt einen Blick in sein Werk werfen und dann weiß ich bald ein klein wenig mehr von dem, was ich alles nicht weiß.

10.3.13  
Blogger mq said...

Weder die Vergangenheit noch die Gegenwart oder die Zukunft waren oder sind durch menschliche Perfektion bestimmt. Nur ist es ein Rätsel, woher Menschen mit Hang zur öffentlichen Profilierung die Gewissheit nehmen, dass ihr Denken und Handeln wegweisend seien, während sie in einem folgenden Moment Dinge tun, die zur Schädigung des Daseins unserer Art führen. Es ist ein weiteres Rätsel, warum es oft scheinbar nicht gelingt, diese Dinge zu erkennen.

Die Erwähnung Krishnamurtis passt in diesem Zusamenhang sehr gut, denn Dogmen und Ideologien sind nur Modelle ohne Gewährleistung, die ausschließlich der öffentlichen Profilierung ihrer Entwickler dienen. Den richtigen Weg für alle gibt es auf keiner ideologischen Landkarte. Selbst wenn der Mensch von der Bildfläche verschwände, wäre damit nur anderen Spezies gedient, die - ebenso wie der Mensch - nichts so sehr anstreben wie sich durchzusetzen.

Wenn der Mensch verschwindet, gibt es keine Welt mehr. Lasst uns also weiterhin Fehler machen, denn vielleicht ist es genau die Fähigkeit zum Fehlverhalten, die unsere Spezies so erfolgreich werden ließ. Denn alle anderen Arten verhalten sich makellos in harmonischer Ausgewogenheit. Oder?

10.3.13  
Anonymous Frau H. said...

Nun, ich würde behaupten, dass nicht die Ideologien als solche das Problem darstellen, sondern der Umstand, dass ihnen "anghängt" wird.

Es geht also um den Wunsch des Menschen nach Orientierung.

Die anderen Arten haben da einen Vorteil - zumindest soweit ich es mit meinen eingeschränkten Kapazitäten erfassen kann - sie folgen ihrer "Bestimmung" ohne Zeit darauf zu verschwenden, ob dies sinnhaft, zu ihrem Vorteil oder sonstwas ist.
Sie tun. Ohne zu wissen, was sie tun. Und doch mehr wissend, was sie tun als wir. Übertragen gesehen.

Und mein Verweis auf Krishnamurti bezog sich mehr darauf, dass er sich darauf verstand die Antwort zu geben indem er die Fragen beim Fragenden aufwarf, die diesem dann die ganz persönliche Antwort sein konnten, um Selbstkritik ging es mir da weniger.

Oft ist das Streben nach Macht - und eine Ideologie verbreiten zu wollen fällt für mich da mit rein - ja vor allem eines: Die Abwehr der eigenen Ohnmachtsgefühle.
Für das Anhängen an Ideologien gilt wohl das gleiche.
Wahrscheinlich ist es für uns Menschen bisweilen nur sehr schwer zu ertragen, dass nicht die Erde unser Untertan ist, sonder wir die ihren sind.
Angst vor dem Tod?

Wie der Säugling die Mutter versucht der unreife Mensch zu beherrschen, was doch eigentlich ihn beherrscht: Das Leben. Scheitern vorprogrammiert.
Und da nehme ich mich noch nicht einmal aus.

Jene, die es besonders nötig haben, zu herrschen und zu beherrschen, sind im Grunde niemals auch nur annähernd aus dem Nabelalter herausgekommen. Wie sollen sie also wissen, dass nicht die Welt sie braucht, sondern sie die Welt?

Vielleicht ist es mit den Menschen wie mit einem Berggipfel: Gäbe es ihn nicht, so gäbe es auch keinen höchsten Punkt. Auf jeden Aufstieg folgt, so es weiter gehen soll, ein Abstieg. Und wer weiss, was passiert wäre, so die Dinosaurier nicht ausgestorben wären? Die waren schließlich auch ziemlich groß und gefrässig....aber gut, ich glaube jetzt drifte ich dann doch zu sehr ab mit meiner Wochenendphilosophie. ;)

10.3.13  
Blogger mkh said...

Da möchte ich dann doch noch etwas ergänzen, oder auch ein wenig "gegenkämmern" ... Fragen wir doch mal so: Was ist eigentlich eine "Ideologie"? Nur die neue, innovative Idee einer Veränderung, eines Wandels, die dann mehr oder weniger öffentlich angepriesen wird? Oder ist nicht der gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche usw. Status quo ebenfalls eine Ideologie (die dann durch Sozialisierung, Konventionen etc. weiter und weiter tradiert wird)?

Will heißen: Eine innovative Gesellschaftsidee, die ein Denken und Handeln als wegweisend darstellen möchte, macht doch im Grunde nichts anderes als das, was im Status quo auch schon längst passiert, oder?

Was die Macht angeht: die ist folglich im Anhaften am Bestehenden ebenso zu finden wie im Vertreten eines neuen Weges, eines idelogischen Wandels. - Mit Macht kann das eine wie das andere zu tun haben, muss es aber wiederum nicht zwangsläufig. - Wenn ich Beispiele überlege wie etwa die (eurozentrische)Menschenrechtskonvention oder antifaschistische Bewegungen oder das politische Eintreten gegen "ethnische Säuberung" oder Sklavenhandel oder Vergewaltigung oder Kindesmissbrauch etc. pp., dann sind das ja alles Konjventionen und somit eben auch Ideologien. Setzt man es um und hindert einen Diktator an ethnischen Ausrottungsversuchen und Vertreibungen, dann übt man zwar Macht aus und stellt die Legitimation auf das Fundament einer Ideologie. Aber kommt man denn hier überhaupt drum rum, wenn man in irgendeiner Form Anteil an einer Gesellschaft hat und auch ethische Verantwortung übernehmen möchte (auch Ethik ist natürlich eine Konvention)? Ich denke: nein, man kommt nicht drum rum.

Insofern habe Ideologien ihre Berechtigung und Bedeutung und sollen besser nicht pauschal auf Machtinstrumentarien reduziert werden.

Glaubwürdigkeit und Konsequenz stehen auf einem anderen Blatt und müssen natürlich (selbst)kritisch geprüft werden.

12.3.13  
Anonymous Frau H. said...

Nun werter Herr mkh,

ich bin mir nicht sicher, inwieweit wir uns richtig verstehen? Ich versuche noch mal kurz zu erläutern, was für mich der Kern der Fragestellung ist:

Für mich geht es bei einer Ideologie erst einmal um eine Weltanschauung. Wie sehe ich (wer auch immer) die Welt? Das zB. ist für mich dann meine ganz persönliche, wie auch immer geprägte und gefärbte Ideologie. Diese als solche ist erst einmal völlig legitim und wertfrei zu betrachten, meiner Meinung nach. Inwieweit meine Ideologie mit den Bedürfnissen des Gemeinwohls/der Gesellschaft konform geht/ihnen vielleicht sogar nützlich ist, wird dann von "außen" beurteilt und bestimmt.
Eine Ideologie als solche muss weder neu noch inovativ sein, in meinen Augen, um eine Ideologie zu sein. Eine Ideologie ist einfach eine Ideologie. Punkt.

Kritisch wird es meiner Meinung nach an jenem Punkt an dem ich MEINE Ideologie für die einzig Richtige halte und sie anderen aufzuzwingen versuche. Das empfinde ich als arrogant.
Wer bin ich zu wissen, was das Beste für die Welt und alle Menschen auf und in ihr wäre?

Aus diesem Respekt heraus muss ich meiner Ideologie nach erst einmal handeln, um überhaupt etwas "im Sinne aller" verändern zu können. Alles andere wäre für mich einzig egoistisches Streben nach Macht.

Nun ist es natürlich richtig, dass zB. die Ideologie eines Kinderschänders (um einmal das extremste Beispiel zu nehmen) etc. gesellschaftlich "bekämpft" werden sollte, aber nicht, weil der Kinderschänder kein persönliches Recht auf seine Ideologie hat, sondern weil seine Ideologie (negative, weil zerstörerische) Macht beinhaltet. Macht über andere, in diesem Falle unschuldige, wehrlose Wesen. Und weil er glaubt, ein Recht zu haben, diese Macht in seinem Sinne auszuüben. Seine Ideologie - Kinder darf man "benutzen" - für die einzig richtig hält.

Nun lässt sich Macht natürlich auch positiv leben, im Sinne von Fürsorge und Verantwortung. Aber positive Macht wird meiner Meinung nach niemals "herrschen um jeden Preis" und Ideologien "durchboxen" sondern dem Gegenüber mit Respekt für seine Natur und seine Bedürfnisse begegnen.

Vielleicht lässt es sich so runterbrechen:

Eine Ideologie, die andere Menschen einengt, unfrei macht, ausbeutet, entmündigt etc. wird immer nur die Ideologie einer bestimmten Gruppe sein, die mit Hilfe/unter dem Deckmantel der Ideologie einzig ihre eigenen Interessen vertritt.

Viele Ideologien nebeneinander, die niemanden einengen, unfrei machen, ausbeuten, entmündigen etc. könnten "eine" Ideologie für alle sein, so niemand mehr nach persönlicher Macht und persönlichem Vorteil streben würde.

Dass das mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit so niemals wird eintreten werden, liegt wohl in unserer Natur...wir sind halt nicht perfekt, wie der werte Sir MQ schon so schön fest gestellt hat. Und selbst wenn wir es sein könnten: Wer würde darüber bestimmen, was perfekt bedeutet? Sie? Ich? Gott? Marx? Hitler? ...... An dieser Stelle würde doch jede Ideologie schon wieder automatisch zur Diktatur eines Einzelnen/einer Gruppe.

Oder nicht?

Meiner Meinung nach wäre viel gewonnen, so wir uns schlicht um Respekt und Achtung bemühen würden, ganz simple Ideologie. Von mir leider auch nur unzureichend - so zu Ende gedacht - gelebt und verwirklicht. Bin halt auch nur ein Egoschwein (Mensch), wenn vielelicht auch ein kleineres als andere, in manchen Punkten, in anderen dafür bestimmt aber ein viel größeres als Andere. Das zumindest ist meine Selbstkritik ;).


12.3.13  
Blogger mkh said...

Frau H., sind Sie noch da? Also, kommt alles an, ist gut beschrieben und so anregend, dass ich es mir sicher noch minedstens ein zweites Mal durchlesen werde - sobald ich mich mit dem Themenkomplex wieder befasse (mach ich nämlich zur Zeit aus verschiedenen Gründen). Tschüss, Frau H., und bis bald - mkh.

13.3.13  
Blogger mq said...

Duden:

"Ideo|lo|gie, die
Substantiv, feminin

a. > an eine soziale Gruppe, eine Kultur o. Ä. gebundenes System von Weltanschauungen, Grundeinstellungen und Wertungen

b. > politische Theorie, in der Ideen der Erreichung politischer und wirtschaftlicher Ziele dienen (besonders in totalitären Systemen)

c. > weltfremde Theorie"

Und was perfekt ist, bestimme immer noch ich.

13.3.13  
Anonymous Frau H. said...

@mkh: Warum sollte ich nicht mehr da sein? Wünsche gutes Rumdenken und auch bis bald!

@Sir mq: So so...

Und ich als Gruppe stehe auf alle Fälle zu unserer Ideologie ;)

13.3.13  

Kommentar veröffentlichen

<< Home